Rettet Nele Neuhaus das deutsche Transplantationsrecht vor weitergehender systemischer Ignoranz?

zugleich ein Kommentar zum Romanerfolg „Die Lebenden und die Toten“ in seiner ZDF-Verfilmung (02.01.2017, und 04.01.2017, jeweils 20.15 bis 21.45 Uhr (hier).

Selbst der österreichischen Zeitung „Der Standard“ war der natürlich fiktive Film, der als Zweiteiler präsentiert wurde, „Zuviel des Schlechten“ (hier). weil nit je einem Organspende-, einem  Transplantations- und einem Medizinskandal sowie diversen Familien- und Systemkonflikten zu viele Themen als Krimi mit vier  Toten dargebotenen  Zweiteiler „hineingepresst“ wurden.

Dabei war schon der erste Teil der absolute Quotenrenner der Prime Time des Tages, 6,06 Mio. Zuschauerinnen und Zuschauer konnten ihre Klischeevorstellungen von korrupten oder überforderten Medizinern,  zustimmenden traumatisierten Angehörigen und einer per se käuflich manipulierten Herztransplantation bestätigt sehen. Angesichts des Spannungsreigens wird die Zuschauerzahl auch beim zweiten Teil nicht sehr viel niedriger sein, denn der Schütze ist nicht der „wirkliche“ Täter, sondern der eigentlich Verantwortliche ist – durchaus realitätsnah -, …. Aber das soll nicht verraten werden – noch nicht..

Außer der Rolle des eigentlichen Drahtziehers hat der Film, allerdings wenig mit der Transplantationsrealität in Deutschland gemein. Da werden anders als in Deutschland – in einer Privatklinik – Transplantationen durchgeführt, da ist der zweite Arzt, der den Hirntod feststellt, der Entnahmechirurg, und von der Deutschen Stiftung Organtransplantation als Gralshüterin der Rechtskonformität bei der Organspende ist nichts zu sehen. Ja, nicht einmal EUROTRANSPLANT muss durch falsche Angaben getäuscht werden. – Aber das wäre alles auch viel zu kompliziert für die 180 Sendeminuten gewesen.

Die gesetzlich vorgeschriebene Trennung von Organspende und Organtransplantation wird einfach ausgeblendet, eine Fülle transplantationsrechtlicher Vorschriften grob missachtet und als bedauerliche Einzeltat Fehlender dargestellt.. Dass der als rächender Ehemann und Vater auftretende beliebte Schauspieler Ulrich Turkur. (eigentlich ein Tatortkommissar vom Dienst)  seine Ausbildung als Präzisionsscharfschütze noch bei der NVA erhielt, rundet den Film und das durchaus emotional dargestellte Täterklischee fast schon wieder stimmig ab. Da störte nur wenig, dass viel, zu viel Geld an diverse Täter – nicht nur m weißen Kittel . geflossen war.

Gut und sehr empathisch dargestellt sind die Nöte und die mögliche Traumatisierung der Angehörigen, die mit einer Freigabe der Organe einer Spenderin oder eines Organspenders nicht fertig werden. Auch diverse Formen der Verarbeitung des unabänderlichen Verlusts eines geliebten Menschen sind kurz angerissen.

Zu kurz kommt im Film das deutsche Transplantationsrecht, das aufgrund seiner vielfältigen Sicherungsmechanismen eine derartige Häufung von Verstößen ausschließt. Wenn das Transplantationsrecht in Deutschland noch einer Rechtfertigung bedürfte, so könnte es dieser fiktive Film ohne Weiteres darstellen.

Die vielfältigen Sicherungen im deutschen Transplantationsrecht, insbesondere die Trennung zwischen Hirntod-Feststellung, Organentnahme und Transplantation und vor allem auch die Einbindung der DSO als kraftvolle besondere Koordinationsstelle schließen eine solche Vielzahl von Verstößen aus. Dabei bleibt allerdings das Erfordernis, dass die DSO Ihre besondere Rolle als Wahrerin des Transplantationsrechts auch tatsächlich aktiv angeht und auch gegenüber den Spenderkliniken entsprechend auftritt. Denn  und diese Rolle nicht nur den punktuell einige Jahre später aktiven  Prüf- und Überwachungskommissionen überlässt. Denn die gesetzlich äußerst fragmentarisch ausgeastlteten Prüf- und Überwachungskommissionen benötigen außerhalb ihres Prüfrasters klare Hinweise auf Unregelmäßigkeiten bei der Organspende, um diesen nachgehen zu können.

Der Film zeigt, wie wichtig es ist, die Haltung zur Organspende im Familienkreis klar den nächsten Angehörigen zu offenbaren und – insbesondere im Falle der Ablehnung der Organspende – diesen Willen auch in einem Organspendeausweis festzuhalten.

Film lenkt die Aufmerksamkeit auf das Transplantationsrecht

Der Organtransplantation und der Organspende in Deutschland ist zu wünschen, dass es durch die Verfilmung wieder mehr wirkliche Beachtung findet und auch konsequenter durch die Beteiligten eingehalten wird. Da betrifft weniger die oben dargestellten Sicherungsmechanismen, sondern die konkrete Umsetzung des Transplantationsgesetzes, die nicht immer fundierter Kritik standhält. die aber von den Beteiligten gerne passgenau gestaltet wird. Famit soll angeblich das versagen der Politik in der Transplantationsmedizin kompensiert und zurechtgerückt werden.

Transplantationsrecht hat andere Baustellen

So ist weder die Delegation wesentlicher Legislativaufgaben auf die „Auftraggeber der Transplantationsmedizin“ gesetzes- und verfassungskonform noch die weitgehende faktisch tolerierte  Ausschaltung der Gewaltenteilung, die von allen Beteiligten nur zu gerne auch noch perfektioniert wird.  Statt Demokratie gilr das Prinzip der ärztlich determinierten Oligarchie – in der sich weitgehend außer Medizinern nur zur Transplantationsmedizin äußerst affine Juristen und Ethiker wiederfinden, einzelne Patientenvertreter und Spenderangehörige natürlich ausgenommen. –

Gelegentlich arbeitet auch die Realität mit Fiktionen, so z. B. mit dem Bundesgesundheitsministerium als Quasi-Ersatz für funktionierende Legislative.

Über die tatsächlich vorhandenen vielfätig andauernden sysremischen Baustellen und Defizite des geltenden Transplantationsrechts in Deutschland werden wir selbstverständlich weiter informieren. Wirkliche Bessrung ist derzeit nicht in Sicht. fazu lieben alle Beteiligten zu sehr die Fiktion, dass die verbaldlich organisierten eigentlichen Auftragnehmer in der Transplantationsmedizin die wahren Auftraggeber seien.

Und mit dieser eher ständisch geprägten Auffassung haben alle in der Transplantationsmedizin sich inzwischen arrangiert, die einen als Handelnde, die anderen als Unterworfene.

Transplantationsrecht 2016 – Zerklüftetes Rechtsgebiet im Wartestand – eine Bilanz zum Jahresende

Es gibt nur wenige Rechtsgebiete, in denen Wunsch und Wirklichkeit so auseinanderklaffen, wie im Transplantationsrecht. Die einen sehen es als ärztliches Berufsrecht, zu dem sich die Ärzteschaft nur gratulieren kann, die anderen sehen es als fast unerträglichen verfassungsrechtlichen Defizitbereich. Und das Schlimmste dabei ist, beide haben recht – jeweils ein bisschen. Mit dem Anspruch an eine angemessene und ausgewogene Patientenversorgung hat dies jedoch wenig gemeinsam.

Noch immer liegt der einer juristischen Bankrotterklärung gleichkommende Freispruch des Landgerichts Göttingen zur Prüfung beim Bundesgerichtshof. Während die einen sich wünschen, dass der Bundesgerichtshof sich die rechtliche Würdigung des Freispruchs voll zu eigen macht und als Bundesgericht wesentliche Teile des Transplantationsrechts schlicht für verfassungswidrig einstuft, hoffen vor allem wohlmeinende Medizinrechtler auf eine Aufhebung des Freispruchs und die Zurückverweisung des Verfahrens an ein anderes Landgericht, das neu über die Strafbarkeit des angeklagten ehemaligen Leiters des früheren Transplantationszentrums der Universitätsklinik  Göttingen urteilt. Und dabei – schon durch das eigentlich unerträgliche Warten – das Transplantationsrecht immer brüchiger.

Der frühere Präsident der Deutschen Transplantationsgesellschaft, der Hamburger Prof. Björn Nashan, hat vor Jahren mit nur geringem Erfolg die Transplantationsmediziner aufgefordert, sich mehr mit dem Transplantationsrecht zu beschäftigen. Bei diesem, sicher ehrenhaften Wunsch ist es geblieben.

Auch 2016 zeigte sich die Politik und ihr folgend das Transplantationsrecht den Wünschen der Mediziner in hohem Maße zugewandt. Patientinnen und Patienten spielen dabei eine zunehmend marginale Rolle.

Noch hat das Bundesverfassungsgericht große Geduld mit den für das Transplantationsrecht Verantwortlichen. Nur zwischen den Zeilen lässt ein Kammerbeschluss des Bundesverfassungsgerichts dieses Jahr erkennen, dass auch dort massiver Reformbedarf beim Transplantationsrecht gesehen wird. Es scheint, als wolle das Bundesverfassungsgericht dem Transplantationsrecht noch Zeit zur Entwicklung auf dem Instanzenweg lassen. Allerdings betont das Bundesverfassungsgericht schon jetzt die Notwendigkeit der Eilentscheidungen im Transplantationsrecht. Wahrscheinlich ein zarter Hinweis, dass bloßes Aussitzen nicht mehr lange hingenommen wird, gleich ob von Patienten oder den Verantwortlichen.

Im Zentrum der Entwicklung des Transplantationsrechts stand 2016 sicherlich das nun auf dringenden ärztlichen Wunsch eingefügte Transplantationsregister, das zu einer Änderung des Transplantationsgesetzes führte.

Dass das Register ein Torso bleiben wird, liegt auf der Hand. Es bleibt ein Wunschregister der Auftraggeber in der Transplantationsmedizin (Bundesärztekammer, Deutsche Krankenhausgesellschaft und der gesetzlichen Krankenversicherung), aus dem nur Wunschergebnisse gewonnen werden dürften und dessen Abbild der Wirklichkeit in der Transplantation einem Zerrbild gleicht. Schon heute wird das Transplantationsregister als fragmentarische Sammlung mit Zufallscharakter angesehen werden können, so groß sind die Lücken, die das Transplantationsregister in der gefundenen Konstruktion gelassen hat. Das sieht inzwischen auch die Politik so, die sich beim Unterschreiten eines bestimmten Erfassungsgrades zum Eingreifen verpflichtet hat – dieser Erfassungsgrad wird gegenwärtig mit 30% angegeben. Mehr als eine zufällige Sammlung höchst wohlfeiler Ergebnisse kann das Register damit nicht mehr werden, auch wenn sich das beauftragte Robert-Koch-Institut nach besten Kräften stets bemüht, einen möglichst optimalen Datensatz vorzugeben, in dem die gewonnenen Zufallsdaten gespeichert werden können.

Nachdem das Transplantationsrecht seit vielen Jahren nur volatil bemüht wird, setzt auch die Ständige Kommission Organtransplantation der Bundesärztekammer (StäKO) diese Bemühungen erfolgreich fort. So wird derzeit an einem „einmalig neuen“ Allokationsscore für die Herztransplantation gearbeitet, der sicher der eigentlich beauftragten Feststellung des Standes der medizinischen Wissenschaft weit voraus ist. Einen solchen Allokationsalgorithmus zu erarbeiten fällt aber ebenso wenig in die Kompetenz der StäKO wie die Richtliniensetzung in moralischen oder gar ethischen Themen. Aber diese Kompetenzüberschreitung wird ja seit Jahren hingenommen, ohne dass sie wirklich erfolgreich in kritisch in Frage gestellt wird.

Dass die bis 2013 geltenden Richtlinien der StäKO in höchstem Maße überarbeitungsbedürftig waren und wohl auch noch heute sind, ist dem Eingeständnis zu entnehmen, dass sie bis Ende 2017 vollständig überarbeitet werden sollen. Erst danach soll eine turnusgemäße Bearbeitung und Anpassung im Zwei-Jahres-Rhythmus stattfinden.  Was von den Zwei-Jahrees-Rhythmen bei der Überarbeitung der Richtlinien zu halten ist, wird schon der Januar 2017 zeigen. Dann steht nämlich die erste Überarbeitung der im Ergebnis desaströsen Richtlinie zur Feststellung des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls an. Diese Richtlinie hat schon kurz nach ihrer Einführung zu einer massiven Verunsicherung und zu einem Einbruch der Feststellungen geführt und hat sich als äußerst reparaturbedürftig erwiesen.

Einen erneuten parlamentarischen Aufgalopp  wie vor Ende der letzten Legislaturperiode dürfte es 2017 nicht geben. Zu wenig parlamentarisches Potenzial widmet sich derzeit dem Transplantationsrecht, sehr zur klammheimlichen Freude der Transplantationsmediziner, die sich zu einem erheblichen Teil schon in einer geordneten Abwicklung der Transplantationsmedizin mit einer entsprechenden Neuorientierung auf zukunftsträchtigere medizinische Themen wähnen.

Zwar sind vom Transplantationsrecht in Deutschland ungefähr 300.000 ´Menschen in der einen oder anderen Weise betroffen, ihnen fehlt aber der Wille und die Kraft für eine grundlegende Reform des Transplantationsrechts, die dringend notwendig wäre, um neues Vertrauen in der Transplantationsmedizin zu schaffen.

 

 

Organspende 2016: Die Zahlen sprechen eine klare Sprache – Die Organspende muss sich modernisieren

Nur zu gerne geben sich die Verantwortlichen für die Organspende ratlos. Sie verweisen gerne darauf, dass sie eigentlich nur für Teilaspekte der Organspende verantwortlich seien und zeigen gerne auf die anderen, eigentlich Verantwortlichen.

Dennoch gibt es bei allem Föderalismus und seiner grundsätzlichen Länderzuständigkeit einen Hauptverantwortlichen für das derzeitige Scheitern bei der Organspende: Das ist der Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe mit seinem Bundesministerium für Gesundheit, denn er trägt die Gesamtverantwortung für die Struktur und konstruktive Stabilität der Organspende. Dies umso mehr, als es eigentlich die Aufgabe der Politik wäre, Misstrauen im System aufzufangen und das Systemvertrauen zu stärken.

Der Bundesgesundheitsminister kann sich beruhigt zurücklehnen. Penibel hat er alles abgearbeitet, was im Koalitionsvertrag stand. Mehr noch, er stellt sich aktiv den Skandalen entgegen, die derzeit die deutsche Ärzteschaft wie ein Krebsgeschwür befallen haben. Die Korruptionsbekämpfung im Gesundheitswesen und die sogenannte Stärkung der ärztlichen Selbstverwaltung beherrscht die politische Diskussion, da bleibt für mehr als ein paar werbe- und medienwirksame Auftritte pro Organspende keine Zeit.

Zerclusterung der Organspende-Zuständigkeiten

Dabei hat das Bundesgesundheitsministerium gemeinsam mit den Leuchttürmen der Transplantationsmedizin für eine eindrucksvolle Zerclusterung der Organspende gesorgt und die Zuständigkeit für die Organspende so verteilt, dass sich außer dem Ministerium niemand sonst mehr für die Organspendestrategie und deren konsequente Weiterentwicklung zuständig fühlen braucht.

Vollständiges Fehlen strategischer Ansätze für die Organspende  

Anders als in der Schweiz und Österreich gibt es in Deutschland in der Exekutive niemand, der sich für die Strategie der Organspende zuständig fühlen darf. Die Deutsche Stiftungsorgantransplantation und die Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung haben sehr enge Verantwortungsbereiche, bei der Stiftung für’s Leben wurde bereits Ende 2014 das Licht ausgeknipst – angeblich auf Weisung von höherer Stelle. Selbst wenn sie sich hätten wehren wollen, hätten da die Repräsentanten der Treuhänderin dieser Stiftung keine Chance gehabt. So umstritten die Stiftung auch gesehen wurde, mit der Einstellung der Stiftung für’s Leben ging die Innovationsfähigkeit der Organspende verloren.

Organspende in der Vertrauenskrise

Der Organspenderausweis verliert zunehmend an Akzeptanz. In der Zeit der zunehmenden Digitalisierung empfinden vor allem jüngere Menschen den Organspenderausweis nur noch als lästig, verkörpert er doch wie kein zweites Dokument das vergangene 20. Jahrhundert. Selbst Ausweisdokumente wie Personalausweis und Führerschein haben sich inzwischen digitalisiert. Da wird der Organspenderausweis von manchen nur noch als Relikt vergangener Zeiten angesehen. Auch in der letzten Umfrage sit die Zahl der Ausweisinhaber im Sinken begriffen.

Abkehr vom Individualkonzept der Organspende

Hinzu kommt, dass das Individualkonzept der Organspende in Deutschland dringend überdacht werden muss. Selbst Länder mit der Widerspruchslösung haben sich da weiter entwickelt und geben den Angehörigen ein nicht verbrieftes aber durchaus beachtenswertes Vetorecht. Hat der Spender einen Organspenderausweis dabei, so gilt in Deutschland nur dieser, auch wenn er vielleicht gar nicht mehr passt. Angehörige haben nur dann bei der Organspende mitzusprechen, wenn dies ausdrücklich im Organspenderausweis vermerkt ist -oder eben dann, wenn kein Organspenderausweis vorliegt.

Vetorecht für die Angehörigen? – Sterben als sozialer Prozess

Die gefühlte Unabänderlichkeit des Organspenderausweises durch die Angehörigen dürfte einer der wesentlichen Gründe sein, weshalb der Organspenderausweis gar nicht erst ausgefüllt wird. Denn dann können die trauernden Angehörigen selbst entscheiden, ob sie in ihrer Trauer eine Organspende ertragen oder nicht. Dabei ist die Unabänderlichkeit des Organspendeausweises nicht unbedingt gegeben, Angehörige brauchen nur „glaubhaft“ darzulegen, dass die Organspende nicht dem aktuellen Willen des Organspenders entspricht. – Hier ist es an der Zeit, über die Herstellung der sozialen Verträglichkeit der Organspende im Kreise der Angehörigen neu nachzudenken und den Widerspruch der nächsten Angehörigen auch bei Vorliegen eines Organspenderausweises zu akzeptieren, so wie dies Länder mit einer sozial verträglichen Widerspruchslösung schon lange akzeptieren.

Mehr Mut zur angemessenen Aufwandsvergütung der Spenderkliniken

Inzwischen fehlt, wie schon vor einigen Jahren, wieder der ökonomische Anreiz für Spenderkliniken, potenzielle Organspender rechtzeitig zu melden. Hier wird wieder darüber nachzudenken sein, ob nicht die Meldung potenzieller Spenderinnen und Spender als solche besonders vergütet wird. Nachzudenken ist ferner darüber, dass der zeitliche Aufwand der mehrtätigen Inanspruchnahme der Intensivstation besser als bisher angemessen vergütet wird und an das Niveau allgemeiner Krankenhausvergütungen entsprechend angepasst wird. Auch an eine besondere Berücksichtigung der Bereitschaft zur Teilnahme an der Gemeinschaftsaufgabe „Organspende“ im Rahmen der Krankenhaus-Planung durch eine entsprechenden Bonusfaktor ist zu denken.

Die Organspende muss wohl oder übel mehr dem Trend zur Ökonomisierung der Spenderkrankenhäuser angemessen Rechnung tragen und den entsprechenden Aufwand wenigstens voll kompensieren. Die entsprechenden Kalkulationsschemata sind fortzuentwickeln und angem,essen zu verstetigen. Hier scheint das richtige Maß der Kompensation wieder verloren gegangen zu sein. Dies vielleicht auch, weil der Aufwandsersatz durch die sogenannten „Auftraggeber“ in der Transplantationsmedizin zu behutsam festgelegt wurden. Ob die Auftraggeber der Transplantationsmedizin nicht besser durch das grundsätzlich eher neutrale Bundesgesundheitsministerium ersetzt werden müssten, ist eine strategisch adäquat zu entscheidende Frage, denn die Organspende selbst „passt“ als gesellschaftliche Aufgabe eigentlich nicht in die Selbstverwaltung, in der sie bislang falsch verortet ist..

Akzeptanz der Organspende muss volatiler werden – auch bei Multiplikatoren           

Die in letzter Zeit nur zu gerne präsentierte Umfrage unter den medizinischen oder pflegerischen Berufsträgern zur Organspende ist schon älter, außerdem beschränkt sie sich auf Bayern. Gerade Ärztinnen und Ärzte sind wichtige Entscheider, deren Zweifel am System der Organspende und der Organtransplantation ungleich schwerer wiegen als Zweifel in der „Normalbevölkerung“. Dabei ist schon ´fragwürdig, ob als einzige Maßnahme der „Ausräumung“ der Zweifel wirklich ausreicht oder ob im Rahmen der Modernisierung der Organspende auch weitere Verbesserungen angedacht und durchgeführt werden müssen.

Interessante Ansätze gibt es, sie sind allerdings nur vereinzelt vorhaben. Wahrscheinlich würde eine Aufarbeitung mehr bringen als nur ein verbales Ausräumen.

An der Digitalisierung des Organspendeprozesses führt kein Weg mehr vorbei

Bisher sind offiziell der Organspenderausweis und die Patientenverfügung die einzigen Möglichkeiten, den Wunsch zu einer postmortalen Organspende zu dokumentieren. Zu diesem beiden Möglichkeiten könnten – bei Akzeptanz der Vetomöglichkeit durch die Angehörigen ohne große Probleme auch weitere Möglichkeiten der Dokumentation der Bereitschaft zur Organspende bis hin zur einfachen Organspende-App  stehen. In Zeiten des Teilens sollte auch akzeptiert werden, wenn die Bereitschaft zur Organspende wirksam geteilt wird.

Potenzial ließe verdreifachen – auch ohne Widerspruchslösung

Gegenüber einem möglichen Potenzial an Organspenden von ca. 12.000 Transplantate p. a. sind wir inzwischen bei nur noch 3.700 angelangt. Seit 2011 fehlen damit schon mehr als insgesamt mehrere zehntausend Transplantate.

Insbesondere die politischen Verantwortlichen für die Organspende müssen in Zukunft ihre Verantwortung für die Organspende nicht nur erkennen sondern aktiv wahrnehmen. Denn die Organspende braucht weiterhin in besonderer Weise die Akzeptanz der Gesellschaft.

 

Dieser Beitrag wurde zunächst veröffentlicht auf www.info-organtransplantation.de

Vergeht den Prüf- und Überwachungskommissionen nach dem Transplantationsgesetz die Lust am Prüfen?

Prüf- und Überwachungskommissionen ändern ihr Prüfverhalten

Für die Auftraggeber in der Transplantationsmedizin, die Bundesärztekammer, die deutsche Krankenhausgesellschaft und der Bundesverband der gesetzlichen Krankenkassen, sind die Prüfungen wohl eher eine lästige Pflicht. Wenn durch Prüfungen nicht die Ordnungsmäßigkeit des Systems durch eigene Prüfer festgestellt wird, prüfen andere, dann schärfer und mit deutlicherem Prüfinteresse. Also muss die Transplantationsmedizin durch medizinnahe Prüfer geprüft werden, den aktuellen Entwicklungen in der Medizin besonders zugewandt sind.

Das dies nicht immer gut gelingt, hat die Prüfung in der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf gezeigt, diese Prüfung ist wohl aus dem Ruder gelaufen. So viel Prüfung war wohl nicht gewollt.

Wie viel bleibt im Dunkeln, wie viel kommt an’s Licht?

In den Medien ist festzustellen, dass diese zunehmend beginnen, an der Prüfeffizienz  der Prüf- und Überwachungskommissionen zu zweifeln. Zunehmend wird davon gesprochen, dass Manipulationen an’s Licht gebracht werden. Das impliziert die Frage nach der Dunkelziffer und den nicht wahrgenommenen Auffälligkeiten.

Nun haben die Prüf- und Überwachungskommission für 2013 bis 2015 gerade einmal knapp ein Viertel  der Transplantationsprogramme in Deutschland fokussiert auf Manipulationen geprüft. Auch die Bevorzugung einzelner Patientengruppen (Privatversicherte, Non-ET-Ausländer) konnte zusätzlich bei den geprüften Programmen ausgeschlossen werden. Allerdings erfolgt die Prüfung zunehmend im schriftlichen Verfahren, die in den Transplantationszentren so gefürchteten „Visitationen“ finden nur noch in ca. 50 % der Prüfungen statt.

Prüfsiegel zu schnell erteilt?

Einige große Zentren werden schnell vom Manipulationsverdacht freigesprochen, vielleicht auch, weil sie offen mit ihrer eigenen Incompliance umgehen und diese freimütig, fast schon heldenhaft,  sich zu dieser bekennen.  Auch hier schent das Prinzip zu gelten, dass Angriff die beste Verteidigung ist.

Nur sehr enger Annex-Prüfauftrag

Dabei haben die Prüf- und Überwachungskommissionen nach §§ 11, 12 TPG gegenüber den Transplantationszentren eigentlich far keinen richtigen unmittelbaren Prüfauftrag, denn sie haben eigentlich nur die Einhaltung des Vermittlungsstellen-Vertrags mit Eurotransplant und des Koordinationsstellenvertrags mit der Deutschen Stiftung Organtransplantation zu überwachen. Dabei können sie zwar Transplantationszentren auf ihren Umgang mit Eurotransplant und der DSO überprüfen, mehr gibt aber der Prüfauftrag nach §§ 11, 12 TPG eigentlich nicht her.

Prüfverhalten gesetzeskonform eingeschränkt?

Grund genug, auch für die wenig geliebten Prüf- und Überwachungskommissionen nach dem TPG ihr Prüfverhalten – durchaus gesetzeskonform – entsprechend einzuschränken und die vielen anderen Auffälligkeiten in Transplantationszentren (z. B. in der Wartelistenführung) doch lieber den eher weniger zur öffentlichen Aktivität verpflichteten Landesgesundheitsbehörden zu überlassen.

Dies dürfte wohl auch eher im Sinne der Auftraggeber nach dem Transplantationsgesetz liegen, damit die Transplantationszentren frei von unberechtigten Verdächtigungen die weniger werdenden Transplantationen in bester Qualität durchführen können.

Da schadet zu viel Transparenz und Hinschauen nur. 

Verspielt die Transplantationsmedizin ihre letzten Chancen?

Nahezu perfekte Illumination

Viele Medienabteilungen können von einer so perfekten Illumination normalerweise nur träumen. Es ist Nikolaus, die Präsentation auf der Pressekonferenz kann als durchaus geglückt gelten.

Keine neuen Fälle

meldete ein eifriger Journalist nach der Pressekonferenz wohl leicht enttäuscht seiner Heimatredaktion telefonisch.  Da wirkte nur der Wunsch einer der Podiumsteilnehmer an die Medien, doch nun auch positiv zu berichten, etwas deplaziert. Die Virtuelle Realität schien perfekt. Dabei sind die Schlussberichte über die Lungentransplantationen in Jena und Leipzig erst vom 15.11 und 01.12,2016, also nochmals neu bekannt gewordene Fälle nach der Veröffentlichung des Berichts über das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf vom 13.10-2016.

Worte wie „Wendepunkt“, „Kulturwandel“ und erfolgte „Neustrukturierung der Transplantationsmedizin“, „Kontrolle und Transparenz“ sollten den steinigen Weg zeigen, den die Transplantationsmedizin in den letzten fünf Jahren nach Ansicht der Podiumsteilnehmer schon zurückgelegt hatte. Dabei wurde der fast perfekte Eindruck vermittelt, als sei alles getan, was getan habe werden können. Damit sei, so meinte einer der Teilnehmer auf dem Podium, der Grundstein für neues Vertrauen in die Transplantationsmedizin gelegt.

Nur eine Frage störte auf der mäßig besuchten Pressekonferenz die scheinbare Idylle. Die virtuelle Realität schien perfekt. Auch ohne Google-Brille.

Die Virtualität stand Pate

Wen wundert es da, dass bei soviel Virtualität die Probleme der Transplantationsmedizin nur vereinzelt und am Rande zur Sprache kamen.

Dabei musste man schon sehr genau hinhören, um das perfekte Schauspiel nicht allzu sehr auf sich wirken zu lassen. Wenn von Altfällen bis 2012 die Rede war, konnte man die Erwartung auf Neufälle gerade eben noch annehmen. Wenn das Problem der Entnahmechirurgen als Prüfungsthema angesprochen wurden. konnte man zur Kenntnis nehmen, dass dies es noch besteht, auch wenn der DSO das Prüftestat von der Prüfkommission erteilt wurde.

Wie mangelhaft die Transplantationsmedizin und ihre Richtlinien in der Vergangenheit waren, wurde eindrucksvoll dargestellt. Dabei konnten sich einige Verantwortliche auf ihre Zukunft konzentrieren, ohne ihre vermeintlichen jahrelangen Verdienste der Vergangenheit selbst schmälern zu müssen.

Auch in Zukunft wird die Transplantationsmedizin wohl weiterhin der Marktplatz der Auffälligkeiten und rosarot dargestellten vermeintlichen Realitäten bleiben.

So wurde vollmundig richtig behauptet, dass noch keine Richtlinie im Genehmigungsverfahren beim Bundesgesundheitsministerium gescheitert sei. Dazu muss man allerdings wissen, dass meist ausgiebige Abstimmungen und Endabstimmungen mit dem Bundesgesundheitsministerium erfolgen, bevor der Weg der formalen Genehmigung gegangen wird. Und zumindest eine Kommission bekam monatelange Hausaufgaben bei einer solchen Abstimmung. Die entsprechende Richtlinie wurde natürlich erst gar nicht zur Genehmigung eingereicht.

Die Abwärtsspirale in der Transplantationsmedizin wird sich nach einer kurzen Erholungspause weiter drehen. Im November und manchmal auch im Dezember gibt es nämlich meist mehr Organspenden als in anderen Monaten des Jahres.

Und die Transplantationsmedizin läuft Gefahr, den letzten vorhandenen Rest der früheren Reputation noch weiter zu verspielen, wenn sie ihre Augen vor den Auffälligkeiten und scheinbaren Ungereimtheiten des Systems (hier) weiter verschließt.

Selbst die Deutsche Presseagentur (dpa) meldet nur, es seien keine weiteren Auffälligkeiten „an’s Licht gebracht“ worden. (hier)

Der Rest bleibt demnach im Dunkeln. Und das Misstrauen gegen die Transplantationsmedizin bleibt und wird noch größer.

Besinnen sich die Prüf- und Überwachungskommissionen nach §§ 11, 12 TPG auf ihre eingeschränkte Zuständigkeit zurück?

Die Zuständigkeiten der Prüf- und Überwachungskommissionen nach §§ 11, 12 Transplantationsgesetz (TPG) ist gesetzlich stark eingeschränkt und hat, anders als in der Öffentlichkeit vermittelt, keineswegs die Transplantationszentren, sondern nur die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) als  Koordinationsstelle und Eurotransplant als  Vermittlungsstelle zum Gegenstand.

Die Prüfungen in den Transplantationszentren durch die Kommissionen sind keine Ordnungsmäßigkeitsprüfungen der Zentren, sie dürfen nur insoweit erfolgen, als sie Auswirkungen auf die Tätigkeit der DSO und von Eurotransplant haben bzw. deren Koordinationstätigkeit oder Vermittlungsaufgabe betreffen.

Harsche Kritik aus dem UKE über „Tonalität und Einseitigkeit des Prüfberichts“

Prof. Dr. Reichenspurner, der Leiter des Transplantationszentrums am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, hat schon mindestens einmal Erfahrung mit negativen Ergebnissen sammeln müssen.

So hat er in der Herztransplantation bei der strukturierten Qualitätssicherung 2013 zum ersten Mal für einen auffälligen negativen Qualitätsindikator in einer Überprüfung im Strukturierten Dialog diesen nicht als einzelfallbezogen widerlegen können und aus diesem Grunde für die Sterblichkeit im Krankenhaus die Prüffeststellung erhalten „… Bewertung als qualitativ auffällig, Hinweise auf Struktur- oder Prozessmängel.“ 50% der Patienten starben noch im Krankenhaus, das UKE sprach damals von „vereinzelten Todesfällen“. Der Ankündigung im Qualitätsbericht 2013, „das laufende Jahr“ Im Qualitätsbericht 2014 lagen dann die Ergebnisse dafür im Referenzbereich.

Nun geht Prof. Dr. Reichenspurner auf Konfrontationskurz zum Prüfbericht und zeigt sich betroffen über die „Tonalität und Einseitigkeit“ des neuen Prüfberichts der Prüf- und Überwachungskommissionen zu den Lungentransplantationen 2010-2013 (hier), ohne sich jedoch inhaltlich öffentlich mit den Feststellungen des Prüfbericht detailliert auseinanderzusetzen.

Die bereits im Prüfverfahren vorgebrachten Einwände ds UKE und eines von diesem eigens beauftragten Gutachters hatten die Prüf- und Überwachungskommissionen nur als teilweise erheblich angesehen. Unter diesen Umständen erscheint es sehr fraglich, ob die angekündigte Totalüberprüfung der Transplantationen seit 2010 zu anderen Ergebnissen kommen kann und wird.

Neutralität der Prüf- und Überwachungskommissionen nach dem TPG bleibt in der Diskussion

Ungeachtet der Kehrtwende des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf bleibt die Neutralität der Prüf- und Überwachungskommissionen nach §§ 11 und 20 TPG weiterhin ein diskussionswürdiges Thema.

Dafür sorgt schon die unvermeidliche Christina Berndt von der Süddeutschen Zeitung, die Resilienz gestärkt ihre wahre Zuneigung zur Transplantationsmedizin scheinbar neu entdeckt hat (hier). Sie darf sogar ihren Artikel im Internet für das breite nicht zahlende Publikum veröffentlichen, in Zeiten des Ringens um angemessene Vergütung qualitativ hochwertiger journalistischer Leistung  auch bei der Süddeutschen keine Selbstverständlichkeit mehr.

Anders als Christina Berndt meint, sind personelle Konsequenten aus den Transplantationsskandalen schon längere Zeit eher sparsam erfolgt, dies gilt insbesondere für die Leitungsebene der Transplantationszentren und der betreffenden Universitätskliniken insgesamt, obwohl manche Transplantationszentren und insbesondere ihr Erfolg schon länger das besondere Augenmerk der Vorstände mancher Krankenhausleitungen hatten. Die Rolle der Krankenhausleitungen in den Transplantationssandalen wurde hin und wieder auf dem gerne bereiteten Altar der strikt individualisierten Einzelverantwortlichkeit geopfert. Das hat sich fraglos geändert. Während das Universitätsklinikum München-Großhadern sich höchstprofessioneller juristischer Unterstützung bediente, wurde in dem wohl subprofessionellen Konkurrenzvorwurf  des Vorstandsvorsitzenden des UKE eher das Gefühl der Einsamkeit und Hilflosigkeit laut. Zu lange hatte die Medizin in den vergangenen Jahren Fehlverhalten gedeckt oder zu marginalisieren versucht. Das gilt im Übrigen auch noch heute.

Anderseits können sich die Prüf- und Überwachungskommissionen im Fall des UKE sicher nicht den fehlenden „Ermittlerinstinkt“ vorhalten lassen. Ob das die Pr4üf- und Überwachungsroutinen sind, die der Transplantationsmedizin und ihrer Qualität förderlich sind, kann durchaus bezweifelt werden. Größere Professionalität und Distanz wären hier sicherlich wünschenswert, sind aber angesichts der konstruktiv wohl gewollt knappen zeitlichen Ressourcen im derzeitigen System nicht erwünscht.

Hier liegt auch die Chance der Transplantationszentren und der Vorstände der Universitätskliniken, die durch eine bessere Aufstellung des Medizincontrollings und der Einsetzung eines Medical Compliance Officers kritischen Fehlentwicklungen viel besser begegnen könnten.

Sonst besteht die Gefahr, dass Kontrollen in Zukunft zum bloßen Schlagabtausch zwischen Juristen mit Medizinsachverstand und Medizinern mit besonderer juristischer Expertise degenerieren.

Das dringend notwendige neue Systemvertrauen könnte so auf viele Jahre ausbleiben. Das aber würde die großen Legitimationsprobleme der Transplantationsmedizin längere Zeit auf der Agenda halten.