StäKO legt erneut Änderung zur Leberallokationsrichtlinie vor

Langsam und mit der gebotenen Verzögerung gelingt es der Ständigen Kommission Organtransplantation (StäKO) der Bundesärztekammer, einen etwas besseren Anschluss an die Diskussionen in der Wissenschaft zu bekommen, denn die StäKO soll ja eigentlich den Stand der Wissenschaft feststellen.. Ob die Zwei-Jahres-Lücke zwischen dem Erst-Konsens in der medizinischen Fachwelt und der Änderung der jeweiligen Allokationsrichtlinie noch weiter zu unterbeiten ist, bleibt abzuwarten. Es ist indessen festzustellen, dass sich jedenfalls bei der Lebertransplantation die Arbeit der StäKO beschleunigt hat, auch wenn dafür andere Themen. wie z. B. eine signifikante Verbesserung der Allokation der Split-Lebern darunter leiden. Bei diesem Thema hat sich das Bundesgesundheitsministerium noch nicht um teilweise geforderte rechtsaufsichtliche Maßnahmen bemüht, obwohl der verstärkte Einsatz von Splitlebern bei einer besseren Richtlinienallokation viele Leben retten könnte. Inzwischen ist die Lebertransplantation so richtlinienkonform geworden, dass sie die strikte formale Einhaltung der Allokationsrichtlinie über die Chance zur erfolgreichen Lebertransplantation um der Richtlinie willen stellt, selbst wenn bei diesen Novellierungsbedarf erkennbar sein könnte.

Die drei nun nach erster Lesung in der StäKO auf den Seiten der Bundesärztekammer veröffentlichten Änderungsvorschläge betreffen die ABO-Inkomatibilität des Transplantats bei Kindern als Empfängern, die Atresie und das Hepatoblastom.

Bei der ABO-Inkompatibilität bleibt die StäKO allerdings einen Schritt hinter der eigentlich konsequenten Regelung zurück. Hier soll die Zuteilung erst dann inkomaptibel an Kinder erfolgen, wenn kein geeigneterer Empfänger vorhanden ist. Den eigentlich konsequenten Ansatz, Kinder in jungen Jahren zu bevorzugen, geht die StäKO in diesem Fall nicht zu Ende, sonst hätte sie den Vorrang von Kindern auch bei ABO-Inkompatibilität regeln müssen. Die als Begründung formulierte formulierten Ausführungen tragen diese wenig konsequente Position nicht. Allerdings ist die Wartezeit bei Kindern jüngeren Alters schon jetzt denkbar kurz, was zu begrüßen ist.

Bei der neuen Regelung zur biliären Atresie überzeugt angesichts der mangelnden Nachhaltigkeit der Kasai-Operation nicht, dass diese noch immer zunächst durchgeführt werden soll. Diese Voraussetzung sollte in den Richtlinien gestrichen werden.

Beim Hepatoblastom ist der jetzt gefundene Regelungsvorschlag zu begrüßen. Er zeigt deutlich, dass die StäKO auch geänderte wissenschaftliche Erkenntnisse bei dieser Änderung sachgerecht zu würdigen weiß.

Die Stellungnahmefrist  zu den Änderungsvorschlägen endet am 18.09.2016. Ob diese ausnahmsweise wegen einer um fünf Tage verspäteten Bekanntmachung des Entwurfs noch verlängert wird, steht nicht fest. Der 18.09.2016 sollte daher als Stellungnahmefrist eingehalten werden, denn so wie vorgeschlagen,  sollte die Richtlinienänderung nicht erfolgen. Es bleibt abzuwarten, ob die StäKO den von ihr eingeschlagenen Weg einer weiteren Optimierung vorgelegter Entwürfe nach Abschluss des Stellungnahmeverfahrens fortsetzen wird. Die bisher gemachten Erfahrungen lassen dies eigentlich erwarten.

Der besseren Übersichtlichkeit bleibt zu hoffen, dass es der Bundesärztekammer in Zukunft gelingt, vom Bundesministerium für Gesundheit genehmigte Richtlinienänderungen schneller in Kraft zu setzen. Die Übersichtlichkeit der Allokationsrichtlinien, die sich in Zukunft wohl noch schneller ändern werden, würde dadurch gewinnen.

Es bleibt zu hoffen, dass die Fachgesellschaften, insbesondere die der Pädiater, ihren Einfluss geltend machen, um die Allokationsrichtlinie zur pädiatrischen Lebertransplantation weiter zu optimieren.

Generell ist festzustellen, dass frühere Änderungen der Leberallokationsrichtlinie keineswegs zu der in der Fachwelt nötigen Befriedung geführt haben. Insbesondere beim Leberkrebs werden die zweifelnden Stimmen lauter, ob die geltende neue Regelung wirklich dem Stand der medizinischen Wissenschaft entspricht. Die StäKO wird hier ihre Kompetenz erneut unter Beweis stellen müssen.

Der Rechtsanspruch auf Aufnahme auf die Warteliste

2015 wurden ca. 5.000 Patientinnen und Patienten in Deutschland neu auf die Warteliste für eine Organtransplantation aufgenommen. 1.500 Patientinnen und Patienten wurde die Aufnahme auf die Warteliste offiziell verwehrt, die Dunkelziffer dürfte erheblich darüber liegen. Manche Transplantationszentren melden einfach die entsprechenden Nichtaufnahmen auf die Warteliste nicht, andere nutzen die Möglichkeiten zur Ablehnung so, dass sie gar nicht erst erfasst werden. Die Möglichkeiten der vollständigen oder teilweisen Nichterfassung der Ablehnung auf die Warteliste durch manche Transplantationszentren sind vielfältig und manchmal recht kreativ.

Dabei ist erstaunlich, dass die Zahl der jährlich abgelehnten Patienten insgesamt in Deutschland relativ konstant bleibt und dass auch die einzelnen Transplantationszentren ihr recht unterschiedliches, nicht immer plausibles und nach den Allokationsrichtlinien begründbares Ablehnungsverhalten relativ konstant beibehalten. Manche Zentren lehnen deutlich mehr Patienten ab, als sie jährlich transplantieren, andere Zentren nur eine verschwindend geringe Zahl an Patienten.

Dabei sind in den Allokationsrichtlinien eigentlich die Ablehnungsgründe so festgelegt, dass sich derartig massive Unterschiede im Ablehnungsverhalten zwischen den einzelnen Transplantationszentren eigentlich gar nicht ergeben könnten.

Dies auch deshalb, weil sich nur ein geringerer Teil der offiziellen Ablehnungen sich auf echte gesundheitliche Gründe stützt.

Darüber hinaus stehen neben den etwas mehr als 10.000 Patientinnen auf der aktiven Warteliste weitere mehr als 6.000 Patienten als nicht-transplantabel auf der Gesamtwarteliste, die damit mehr als 16.000 Wartepatientinnen und Wartepatienten umfasst.

Der nun vom Bundesverfassungsgericht nochmals ausdrücklich seiner neuesten Entscheidung bestätigte Rechtsanspruch jedes einzelnen abgelehnten oder längere Zeit bzw. dauerhaft nicht transplantabel gestellten Wartepatienten zeigt deutlich das aktuelle Konfliktpotenzial im Zusammenhang mit der Warteliste.

Würden alle Patientinnen und Patienten, die dies könnten, ihren Rechtsanspruch auf Aufnahme auf die Warteliste geltend machen, so wären die dafür zuständigen Gerichte wahrscheinlich rasch überfordert, vor allem wenn sie in kürzest möglicher Zeit in Eilfällen nicht nur über ihre Zuständigkeit entscheiden sondern auch inhaltlich eine Entscheidung treffen müssten.

Bislang nehmen Patientinnen und Patienten, die nicht auf die Warteliste aufgenommen oder nicht-transplantabel gestellt werden,  diese ärztliche Entscheidung meist klaglos hin. Ob dies nun mangels transplantationsrechtlicher Kenntnisse oder im Glauben an die ärztliche Unfehlbarkeit geschieht, kann dahinstehen.  Sicherlich ist ein hoffentlich größerer Teil der Ablehnungen auch einfach berechtigt und wird vom Patienten aus Einsicht akzeptiert. Dies auch deswegen, weil die eigentlich notwendigen Rechtsmittelbelehrungen für die entsprechenden Entscheidungen zur Nichttransplantation durch die Transplantationszentren noch die große Ausnahme sein dürften.

Nebenbei bemerkt: Bislang ist die Frage, ob eine fehlende Rechtsmittelbehrung auch gleichzeitig einen schweren Aufklärungsfehler darstellt, noch nicht abschließend geklärt.

Es dürfte alles in allem noch ca. fünf Jahre dauern, bis sich der Rechtsanspruch auf Aufnahme auf die aktive Warteliste durch entsprechende Urteile weiter verfestigt. Schon jetzt werden Transplantationszentren allerdings sicher „kreativ“ reagieren, wenn ein Patient auf einer „rechtmittelfähigen Entscheidung“ über die Nichttransplantation bestehen sollte.

Patienten, die aus ihrer Sicht unberechtigt nicht auf die aktive Warteliste aufgenommen oder dann nicht-transplantabel gestellt werden, sollten daher um eine solche rechtmittelfähige Entscheidung bitten und sich nach Erhalt der Entscheidung überlegen, ob sie nicht mit sicher noch notwendiger kompetenter anwaltlicher Hilfe innerhalb eines Monats nach der Entscheidung Rechtsweg gegen die Entscheidung gehen. Auch danach kann im Einzelfall noch der Rechtsweg beschritten werden, vor allem dann, wenn die Rechtsmittelbelehrung falsch ist oder gar gänzlich fehlt.

Patientenverbände und sicher auch die Stiftung Patientenschutz werden betroffenen Patienten sicher mit Rat und Unterstützung zur Seite stehen.

 

 

Klare Worte von der Deutschen Transplantationsgesellschaft zur Ganzkörpertransplantation: Vorhaben derzeit unverantwortlich

Für die für das kommende Jahr (2017) von Prof. Canavero geplante Ganzkörpertransplantation. bei der ein Transplantationsempfänger für seinen Kopf einen Körper nach einer postmortalen Spende erhalten soll. stößt bei der einflussreichen Deutschen Transplantationsgesellschaft (DTG) auf größte Bedenken. Die Deutsche Transplantationsgesellschaft ist die für Fragen der Transplantationsmedizin zuständige medizinische Fachgesellschaft.

Dazu der Generalsekretär der Deutschen Transplantationsgesellschaft, der erfahrene Dresdner Transplantationsmediziner Prof. Dr. Christian Hugo auf Anfrage:

Die DTG hat größte ethische, aber genauso viele medizinische  Bedenken, da  mehrere entscheidende Einzelschritte dieses Vorhabens  ungelöst sind.

Dies ist noch ein sehr zurückhaltendes Statement für dieses derzeit unverantwortliche Vorhaben.

Diese klare Stellungnahme zuständigen medizinischen Fachgesellschaft ist sowohl aus medizinischer  als auch aus ethischer Sicht sehr zu begrüßen und stellt ein klares vertrauensbildendes Statement dar.

Die Stellungnahme zeigt klar, dass die Transplantationsmedizin in Deutschland nur medizinisch und ethisch akzeptable Transplantationen akzeptiert und gewagte Experimente ablehnt.

Eine solche Stellungnahme ist eine der wesentlichen Säulen neuen Vertrauens in die Transplantationsmedizin in Deutschland.

Auch das Mitglied des Deutschen Ethikrates, der der Organtransplantation grundsätzlich offen gegenüberstehende katholische Moraltheologe  Prof. Dr. Eberhard Schockenhoff sieht die Grenze des  ethisch Vertretbaren bei einer Ganzkörpertransplantation als eindeutig als überschritten an, wie er kürzlich in einem Interview unmissverständlich erklärte.

E bleibt zu hoffen, dass die Beteiligten ohne vorherige ausreichende Klärung der medizinischen und ethischen Themen von ihrem Vorhaben derzeit Abstand nehmen.

Bundesverfassungsgericht lässt Schadensersatzfrage nach angeblich gestörtem Vertrauensverhältnis ausdrücklich offen

Nach der durch das Bundesverfassungsgericht zurückgewiesenen Verfassungsbeschwerde wegen des Nicht-Transplantabel-Stellens jilft der Klägerin möglicherweise zur Klärung noch ein geltend zu machender Schadensersatzanspruch u. a. auf Schmerzensgeld.

Da über einen solchen Schadensersatzanspruch, der vor dem Landgericht als Zivilgericht geltend zu machen wäre, bislang nicht entschieden wurde, könnte dieser mit einer zivilrechtlichen Schadensersatzklage geltend gemacht werden, denn der so faktisch erzwungene Wechsel  des Transplantationszentrums, die vorangegangene monatelange Auseinandersetzung mit dem Zetrum  und die möglicherweise dadurch entstandene Verzögerung könnten ein nicht zu vernachlässigendes Schmerzensgeld in erheblicher Höhe begründen.

Auch der ständige Mitarbeiter der Deutschen Ärztezeitung Martin Wortmann, der seit fast 20 Jahren Ärzten juristische Entscheidungen verständlicher macht, weist in seinem Artikel (hier) und in einem brillant formulierten launischen Kommentar darauf hin, dass es kein Zeichen ärztlicher Größe sei, eine Patientin wegen ihres Ehemannes länger leiden zu lassen (hier).

Die vom Bundesverfassungsgericht beinahe schon erzwungene Rückkehr des Transplantationsrechts in die prozessuale Welt wird in ihrer Dimension durchaus erkannt, auch wenn noch nicht alle Wirkungen dieser bahnbrechenden Entscheidungen deutlich werden.

Mittelfristig dürfte es pro Jahr in Zukunft eine niedrige dreistellige Zahl an gerichtlichen Entscheidungen geben, die zu einer entscheidenden Rechtsfortbildung des Transplantationsrechts führen werden- Dazu bedurfte es eines Hiweises des Bundesverfassungsgerichts, dass der präventive Rechtsschutz im Transplantationsrecht der eigentlich gebotene Rechtsschutz sei.

Transplantationsbeauftragte: Klinikleitungen brauchen Anreize, um kompetente Transplantationsbeauftragte zu bestellen

Die üblicherweise hervorragend informierte Frankfurter Sonntags-Zeitung macht sich (hier) die Forderung nach Transplantationsbeauftragten in den Spenderkliniken zu eigen.

Nur: Seit 2012 ist die Bestellung von Transplantationsbeauftragten bereits eine gesetzliche Verpflichtung der Spenderkliniken und Anfang 2015 waren bereits nahezu 1.800 Transplantationsbeauftragte in mehr als 1.200 Kliniken bereits im Amt.

Für viele Krankenhäuser ist die Bestellung höchst qualifizierten Mediziners als  Transplantationsbeauftragten eine eher lästige gesetzliche Pflicht, der Genüge getan werden muss. Und entsprechend bestellen diese kliniken dann „ihre“ Transplantationsbeauftragten zwar, statten sie aber weder zeitlich noch materiell für diese verantwortungsvolle Aufgabe aus. Und es soll dem Vernehmen nach auch Spenderkliniken geben, die gerade nicht die kompetenteste Oberärztin oder den fähigsten Oberarzt als Transplantationsbeauftragten bestellen, denn diese rar gewordenen Oberärzte werden in diesen Kliniken ja anderswo dringender gebraucht.

Dass die Kostensituation für aktive Spenderkliniken noch immer unbefriedigend ist, darau hat jüngst auch der katholische Moraltheologe Prof. Dr. Schockenhoff in einem Interview ausdrücklich hingewiesen und Lösungen dieses Defizits angemahnt (hier). Selbst manche ärztliche Direktoren in Klinikleitungen sehen unter dem Diktat der Ökonomie Meldungen von potenziellen Spendern als prioritär nachrangig an. Dies sicherlich auch, weil in der Organspende trotz weiter sinkender Transplantatzahlen die Verantwortlichen sehr zurückhaltend, am liebsten aber gar nicht, auf dieses Motivationsdefizit bei den Leitungen der Spenderkliniken aufmerksam machen. Würden die Klinikleitungen gemeinsam mit ihren Transplantationsbeauftragten der bestehenden gesetzlichen Pflicht zur Meldung potenzieller Spender einigermaßen entsprechen, so könnten die Spenderzahlen das Dreifache der derzeit gemeldeten postmortalen Organspender betragen. Dass manche Verantwortliche diese Zusammenhänge nicht darstellen oder gelegentlich auch negieren, könnte mit der Finanzierung der Organentnahmen in den Spenderkliniken zusammenhängen. Der eigentlich selbstverständliche Aufwandsersatz von der Spendermeldung bis zum Abschluss der Organentnahme wird nur unzureichend vergütet. Die von den Krankenkassen gemeinsam mit der DSO getroffene Vereinbarung zum Kostenersatz für die Spenderkliniken müsste dringend dementsprechend überprüft und angepasst werden, denn die Aufwendungen sind für die Spenderkliniken inzwischen – auch durch geänderte Regelungen – deutlich gestiegen.

Für jeden Transplantationsbeauftragten stehen rechnerisch – unabhängig von der Organentnahme selbst – durchschnittlich ca. € 9.000.- im Jahr zur Verfügung. Dieser zur Verfügung gestellte Betrag geht allerdings meist im allgemeinen Budget der Spenderklinik auf und steht dem Transplantationsbeauftragten nicht als Budget zur Verfügung.

Auch sonst werden den Transplantationsbeauftragten immer wieder durch manche Kliniken Steine in den Weg gelegt, daher steigen auch die Zahlen der Transplantationsbeauftragten, die diese Funktion wieder enttäuscht und frustriert aufgeben und vollständig wieder in den Klinikalltag zurückkehren.

Wie wenig Transplantationsbeauftragte, die es auch schon vor 2012 in namhafter Zahl gab, medial bisher wahrgenommen wurden, zeigt auch der Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Dabei hätten es die aktiven und kompetenten Transplantationsbeauftragten an den Kliniken in Deutschland verdient, auch medial zur Kenntnis genommen und gewürdigt zu werden.

 

Bundesverfassungsgericht fordert mittelbar Transplantationspatienten auf, vom einstweiligen Rechtsschutz rechtzeitig Gebrauch zu machen

In einer bahnbrechenden Entscheidung hat eine Kammer des Bundesverfassungsgerichts Transplantationspatienten (hier) deutlich aufgefordert, von der Möglichkeit des einstweiligen gerichtlichen Rechtsschutzes häufiger und vor allem rechtzeitig Gebrauch zu machen, wenn sie durch unrechtmäßige Entscheidungen des Transplantationszentrums in ihren Rechten beeinträchtig werden.

die 2. Kammer des 1. Senats führt dazu aus:

Für den hier betroffenen Bereich der Zuteilung von Organen kann die Pflicht des Staates, sich schützend und fördernd vor die Rechtsgüter des Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG zu stellen (…), es gebieten, einem an einer lebensbedrohlichen oder regelmäßig tödlichen Erkrankung leidenden Betroffenen einstweiligen Rechtsschutz zu gewähren, auch wenn hiermit gegebenenfalls eine Vorwegnahme der Hauptsache verbunden ist.

Gegen nach Ansicht des Patienten willkürliche Entscheidung eines Transplantationszentrums sollte also sofort gerichtlich vorgegangen werden und dabei sollte auch der einstweilige Rechtsschutz regelmäßig genutzt werden. Das Bundesverfassungsgericht hat die nun die Anforderungen dafür deutlich in seiner Entscheidung reduziert.

Den Gerichten hat das Bundesverfassungsgericht nun auferlegt, in solchen Fällen ihre Zuständigkeit „in kürzester Zeitzu prüfen, um so auch in Transplantationsfällen den verfassungsgerichtlich gebotenen Rechtsschutz zu gewährleisten. Dieser Rechtsschutz erstreckt sich nicht nur auf die Aufnahme auf die Warteliste bzw. gegen die Streichung von der Warteliste, sondern auch auf eine unbegründete Stellung als „nicht transplantabel“ oder einer unbegründeten Verweigerung der Wieder-Aktivstellung. Auch die Anfechtung weiterer einzelner transplantationsrechtlicher Entscheidungen des einzelnen Transplantationszentrums sind denkbar.

Die Verfassungsbeschwerde selbst har das Bundesverfassungsgericht aber nicht zur Entscheidung angenommen und damit zurückgewiesen, obwohl es hätte einen anderen Weg gehen können. In dem nun entschiedenen Fall hatte eine Münchner Patientin, vertreten von namhaften Transplantationsrechtlern, gegen eine Nicht-transplantabel-Stellung wegen eines nicht bestehenden Vertrauensverhältnisses gegen ein Transplantationszentrum geklagt. Das angerufene Verwaltungsgericht hatte die Klage mangels Rechtsschutzbedürfnisses abgewiesen, weil die jetzige Beschwerdeführerin inzwischen in einem anderen Transplantationszentrum erfolgreich transplantiert wurde und eine neue Niere erhalten hat. Damit entfiel das Rechtsschutzbedürfnis.

Ob die Beschwerdeführerin auch ein Fortsetzungsfeststellungsinteresse angesichts einer erneuten Nierentransplantation wegen des wahrscheinlich zeitlich limitierten Transplantatüberlebens geltend gemacht hat, ist der Entscheidung nicht zu entnehmen.

Die Entscheidung stellt, auch wenn sie dieses Mal zuungunsten der Beschwerdeführerin ausging, einen großen Fortschritt in der Gewährleistung effektiven Rechtsschutzes durch Gerichte gegen rechtlich unkorrekte Entscheidungen von Transplantationszentren dar. Diese werden sich in Zukunft noch stärker bemühen müssen, rechtlich korrekte Entscheidungen im Zusammenhang mit Transplantationen zu treffen, weil sie nun damit rechnen müssen, dass diese Entscheidungen sonst erfolgreich gerichtlich angegriffen werden.

Ohne Zweifel hat das Bundesverfassungsgericht mit der Entscheidung, auch wenn es „nur“ eine abweisende Kammerentscheidung war, den Patienten zu mehr Gerechtigkeit in der  Organtransplantation verholfen. Patienten werden nun mit ihren Fachanwälten unter Berufung auf diese Verfassungsgerichtsentscheidung unkorrekte Entscheidungen von Transplantationszentren schneller und erfolgreicher angreifen können.

So hat das Bundesverfassungsgericht geholfen, das bislang ärztlich dominierte Transplantationsrecht in Zukunft erheblich gerechter werden zu lassen. Es dürfte nicht mehr lange dauern, bis auch ärztliche Entscheidungen gerichtlich erfolgreich überprüft werden können.

So gesehen, hat diese Verfassungsbeschwerde den vorhandenen Stillstand in der Rechtsschutzgewährung gegen falsche Entscheidungen von Transplantationszentren beendet und damit das Transplantationsrecht wieder ein stück mehr aus der abgeschotteten medizinischen Welt in die Gesellschaft integriert und den rechtsfreien Raum in der Transplantationsmedizin deutlich kleiner werden lassen.

Anwälte wissen nun, dass es für ihre Patienten ein Fehler sein dürfte, in geeigneten Fällen auf den gebotenen einstweiligen Rechtsschutz zu verzichten und zu lange auf eine gütliche Einigung mit dem Transplantationszentrum zu hoffen oder auf vorhandene multiple zeitraubende Zusatzgremien und deren Einschaltung zu vertrauen. Die Verantwortung für falsche Entscheidungen liegt allein beim jeweiligen Transplantationszentrum.

Die Zahl folgenlos falscher Entscheidungen in der Transplantationsmedizin dürfte damit deutlich in Zukunft abnehmen.

Mit einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, in der wichtige Teile des Transplantationsrechts für verfassungswidrig erklärt werden, ist nun allerdings in absehbarer Zeit noch nicht zu rechnen. Noch können die Transplantationsmediziner darauf vertrauen, dass die von ihnen geschaffenen Strukturen vorläufig erhalten bleiben. Mehr als eine letzte Frist zur Veränderung ist das allerdings nicht.

Die seit zwei Jahren durchgeführten Korrekturen des Transplantationsrechts haben seine Verfassungsbeständigkeit indessen nicht wesentlich erhöht.

Und so halten vor allem Verfassungsrechtlicher, aber auch die Stiftung Patientenschutz und weitere klar ernstzunehmende Beobachter das Transplantationsrecht weiterhin in erheblichem Maße korrekturbedürftig, wo bei die Neigung zu wesentlichen Korrekturen aber bei der Transplantationsmedizin und in der Politik weitgehend schwach ausgeprägt zu sein scheint. Dies ist auch eine wesentliche Ursache des schon mehrere Jahre anhaltenden Stillstands in der Transplantationsmedizin, der sicherlich nicht höheres Spendervertrauen, dagegen aber zunehmendes ärztliches Misstrauen in die Transplantationsmedizin auf vielen Ebenen im Gesundheitswesen hervorgerufen hat, die wesentliche Ursache für geringe und weiter abnehmende Spenderzahlen.

Herztransplantationen in Deutschland: Nicht nur auf die aktuellen Fallzahlen schauen!

Auch in Deutschland gibt es zu wenig Spenderorgane, auf der neuesten aktiven Warteliste stehen 783 Patientinnen und Patienten, die ein Herztransplantat, teilweise verbunden mit einer anderen Transplantation, benötigen.

Dabei könnte die Zahl der transplantierbaren Spenderorgane  das Dreifache der bisherigen Fallzahlen pro Jahr betragen, wenn die Regelungen zur Organspende wirklich konsequent umgesetzt würden. Weitere gesetzliche Änderungen dazu sind nicht notwendig, auch nicht die vereinzelt geforderte Widerspruchslösung.

Zunächst ein paar nicht so bekannte Fakten für 2015, die auf den veröffentlichten Zahlen von Eurotransplant für Deutschland beruhen:

  • Zahl der möglichen Spender 2015 nach Hirntodfeststellung und Zustimmung                                                                               888 Spender
    • mögliche Herztransplantate                                   493 Transplante
    • davon berichtet                                                            395 Transplantate
      • davon nicht genutzt                                       119 Transplantate
    • durchgeführte Herztransplantationen           278 Transplantation en.

Von den nicht genutzten Transplantaten wurden zwei Herzen nicht angeboten, 75 durch das Transplantationszentrum final nicht akzeptiert, weitere 40 nicht transplantiert, ohne dass Gründe aufgeführt sind.

Pro Jahr versterben im Krankenhaus  ca. 7.000 bis 9.000 Menschen am Hirntod, davon wird nur ein Drittel durch die Spenderkrankenhäuser der zuständigen DSO gemeldet, obwohl diese Krankenhäuser zur Meldung potenzieller Spender verpflichtet sind. Auf das Vorhandensein eines Organspendeausweises kommt es für die Spendermeldung nicht an.

Nun setzt nach der Spendermeldung ein Klärungsprozess ein, der nur in ca. 30% zu einer Organentnahme führt. Dies ergibt sich auch aus der von dr DSO geführten Statistik über sogenannte Spendekonsile. Ein Prozentsatz, der mit Österreich durchaus korreliert.

Auch in Deutschland könnten, bei konsequenter Anwendung der Melderegelungen der Spenderkrankenhäuser im Endergebnis weitere ca. 550 Herzen pro Jahr mehr mit Erfolg transplantiert werden, ohne dass sich die gesetzlichen Regelungen verändern müssten. Mehr Organspenderausweise bedürfte es dabei grundsätzlich nicht, wenn ein ergebnisoffenes Angehörigengespräch geführt und nach diesem die Zustimmung erteilt wird. Die Geeignetheit der Transplantate könnte weiterhin von den Transplanteueren frei beurteilt werden.

Das als Musterland hochgelobte Spanien konzentriert sich darauf, nach der Todesfeststellung mit den Angehörigen ein Gespräch zu führen. Auch in Österreich liegt der Schwerpunkt auf der Gesprächsführung mit den Angehörigen. Beide Länder, in denen die Widerspruchslösung gilt, transplantieren nach ihren Angaben auch dann nicht, wenn die Angehörigen widersprechen.

Bei konsequenter Umsetzung der Melderegelungen der Spenderkrankenhäuser könnte der Bedarf an Herztransplantationen zu einem großen Teil erfüllt werden. Gesetzliche Änderungen sind dazu nicht notwendig.

Herztransplantationen 2015: Für die Qualitätssicherung bleibt noch viel zu tun

Auch nach der jüngsten Entscheidung des Universitätsklinikums Frankfurt am Main bleibt für die Qualitätssicherung 2015 gerade bei Herztransplantationen noch viel zu tun.

Nach der neuesten Bundesauswertung erreicht fast die Hälfte der deutschen Herztransplantationszentren den Referenzwert für den Qualitätsindikator von 20 % nicht, sondern liegt darüber.

Das spricht einerseits dafür, dass der Qualitätswert sehr ambitioniert festgesetzt wurde, andererseits zeigt der Wert auch, wie schwierig für kleine und kleinste Zentren ist, diesen Referenzwert zu unterschreiten.

Bei Überschreitung des Referenzwertes schließt sich dann ein sogenannter „strukturierter Dialog“ an, in dem geklärt werden soll, ob das Überschreiten des Referenzwertes auf die Besonderheit von schwierigen Einzelfällen beruht, für die das Transplantationszentrum nicht verantwortlich gemacht werden soll, oder ob das Überschreiten des Referenzwertes einem Hinweis auf Mängel in der Struktur und/oder in den Ablaufprozessen im Zusammenhang mit der Herztransplantation zu suchen ist.

Von den 21 aktiven Herztransplantationszentren müssen sich nach der veröffentlichten Bundesauswertung noch ca. acht Herztransplantationszentren diesem strukturierten Dialog stellen und ihn positiv bestehen, um nicht in der Veröffentlichung der Qualitätsberichte der Transplantationszentren im Frühjahr 2017 den Vermerk zu erhalten: „Hinweise auf Mängel in der Struktur oder im Prozessablauf“.

Während die größten Herztransplantationszentren 2015 bei der Sterblichkeit im Krankenhaus zwischen 4% und 18 % lagen, haben von den anderen 18 Kliniken mit weniger als 20 Fällen diesen Qualitätsziel wohl nur 10 Transplantationszentren erreicht.

Der Qualitätssicherung bleibt also bei den Herztransplantationen – und nicht nur dort – also noch viel Arbeit.

Ethikratsmitglied Prof. Schockenhoff fordert bessere Vergütung für Spenderkliniken

Das Mitglied des Deutschen Ethikrates, der katholische Moraltheologe Prof. Dr. Eberhard Schockenhoff hat sich in dem Interview mit DER ZEIT (hier) dafür ausgesprochen, über eine bessere Vergütung für Spenderkliniken für den finanziellen Aufwand im Zusammenhang mit Organspenden nachzudenken.

Gleichzeitig sprach er sich nachdrücklich gegen eine Aufhebung des Organhandelsverbots und wohl auch gegen die Einführung der Widerspruchslösung in Deutschland aus.