Besinnen sich die Prüf- und Überwachungskommissionen nach §§ 11, 12 TPG auf ihre eingeschränkte Zuständigkeit zurück?

Die Zuständigkeiten der Prüf- und Überwachungskommissionen nach §§ 11, 12 Transplantationsgesetz (TPG) ist gesetzlich stark eingeschränkt und hat, anders als in der Öffentlichkeit vermittelt, keineswegs die Transplantationszentren, sondern nur die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) als  Koordinationsstelle und Eurotransplant als  Vermittlungsstelle zum Gegenstand.

Die Prüfungen in den Transplantationszentren durch die Kommissionen sind keine Ordnungsmäßigkeitsprüfungen der Zentren, sie dürfen nur insoweit erfolgen, als sie Auswirkungen auf die Tätigkeit der DSO und von Eurotransplant haben bzw. deren Koordinationstätigkeit oder Vermittlungsaufgabe betreffen.

Harsche Kritik aus dem UKE über „Tonalität und Einseitigkeit des Prüfberichts“

Prof. Dr. Reichenspurner, der Leiter des Transplantationszentrums am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, hat schon mindestens einmal Erfahrung mit negativen Ergebnissen sammeln müssen.

So hat er in der Herztransplantation bei der strukturierten Qualitätssicherung 2013 zum ersten Mal für einen auffälligen negativen Qualitätsindikator in einer Überprüfung im Strukturierten Dialog diesen nicht als einzelfallbezogen widerlegen können und aus diesem Grunde für die Sterblichkeit im Krankenhaus die Prüffeststellung erhalten „… Bewertung als qualitativ auffällig, Hinweise auf Struktur- oder Prozessmängel.“ 50% der Patienten starben noch im Krankenhaus, das UKE sprach damals von „vereinzelten Todesfällen“. Der Ankündigung im Qualitätsbericht 2013, „das laufende Jahr“ Im Qualitätsbericht 2014 lagen dann die Ergebnisse dafür im Referenzbereich.

Nun geht Prof. Dr. Reichenspurner auf Konfrontationskurz zum Prüfbericht und zeigt sich betroffen über die „Tonalität und Einseitigkeit“ des neuen Prüfberichts der Prüf- und Überwachungskommissionen zu den Lungentransplantationen 2010-2013 (hier), ohne sich jedoch inhaltlich öffentlich mit den Feststellungen des Prüfbericht detailliert auseinanderzusetzen.

Die bereits im Prüfverfahren vorgebrachten Einwände ds UKE und eines von diesem eigens beauftragten Gutachters hatten die Prüf- und Überwachungskommissionen nur als teilweise erheblich angesehen. Unter diesen Umständen erscheint es sehr fraglich, ob die angekündigte Totalüberprüfung der Transplantationen seit 2010 zu anderen Ergebnissen kommen kann und wird.

Neutralität der Prüf- und Überwachungskommissionen nach dem TPG bleibt in der Diskussion

Ungeachtet der Kehrtwende des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf bleibt die Neutralität der Prüf- und Überwachungskommissionen nach §§ 11 und 20 TPG weiterhin ein diskussionswürdiges Thema.

Dafür sorgt schon die unvermeidliche Christina Berndt von der Süddeutschen Zeitung, die Resilienz gestärkt ihre wahre Zuneigung zur Transplantationsmedizin scheinbar neu entdeckt hat (hier). Sie darf sogar ihren Artikel im Internet für das breite nicht zahlende Publikum veröffentlichen, in Zeiten des Ringens um angemessene Vergütung qualitativ hochwertiger journalistischer Leistung  auch bei der Süddeutschen keine Selbstverständlichkeit mehr.

Anders als Christina Berndt meint, sind personelle Konsequenten aus den Transplantationsskandalen schon längere Zeit eher sparsam erfolgt, dies gilt insbesondere für die Leitungsebene der Transplantationszentren und der betreffenden Universitätskliniken insgesamt, obwohl manche Transplantationszentren und insbesondere ihr Erfolg schon länger das besondere Augenmerk der Vorstände mancher Krankenhausleitungen hatten. Die Rolle der Krankenhausleitungen in den Transplantationssandalen wurde hin und wieder auf dem gerne bereiteten Altar der strikt individualisierten Einzelverantwortlichkeit geopfert. Das hat sich fraglos geändert. Während das Universitätsklinikum München-Großhadern sich höchstprofessioneller juristischer Unterstützung bediente, wurde in dem wohl subprofessionellen Konkurrenzvorwurf  des Vorstandsvorsitzenden des UKE eher das Gefühl der Einsamkeit und Hilflosigkeit laut. Zu lange hatte die Medizin in den vergangenen Jahren Fehlverhalten gedeckt oder zu marginalisieren versucht. Das gilt im Übrigen auch noch heute.

Anderseits können sich die Prüf- und Überwachungskommissionen im Fall des UKE sicher nicht den fehlenden „Ermittlerinstinkt“ vorhalten lassen. Ob das die Pr4üf- und Überwachungsroutinen sind, die der Transplantationsmedizin und ihrer Qualität förderlich sind, kann durchaus bezweifelt werden. Größere Professionalität und Distanz wären hier sicherlich wünschenswert, sind aber angesichts der konstruktiv wohl gewollt knappen zeitlichen Ressourcen im derzeitigen System nicht erwünscht.

Hier liegt auch die Chance der Transplantationszentren und der Vorstände der Universitätskliniken, die durch eine bessere Aufstellung des Medizincontrollings und der Einsetzung eines Medical Compliance Officers kritischen Fehlentwicklungen viel besser begegnen könnten.

Sonst besteht die Gefahr, dass Kontrollen in Zukunft zum bloßen Schlagabtausch zwischen Juristen mit Medizinsachverstand und Medizinern mit besonderer juristischer Expertise degenerieren.

Das dringend notwendige neue Systemvertrauen könnte so auf viele Jahre ausbleiben. Das aber würde die großen Legitimationsprobleme der Transplantationsmedizin längere Zeit auf der Agenda halten.

Tx-Zentrums-Compliance: Nicht überall wohl geordnet

Insgesamt kann die Compliance der Transplantationszentren in Deutschland gerade noch als ausreichend bezeichnet werden. Ein Grund dafür ist die absolute Konzentration auf die Frage, ob Manipulationen begangen worden sind.

Damit beschäftigen sich die Prüf- und Überwachungskommissionen nach dem Transplantationsgesetz nun seit fast vier Jahren  hauptsächlich. Andere Compliance-Probleme und Auffälligkeiten bleiben bisher unbeachtet oder haben veremeintlich nur nachrangige Priorität.

Dabei handelt es sich um bspw. um folgende Auffälligkeiten oder um schlichte folgende schlichte In-Compliance

  • Erfassungsmängel bei der gesetzlich verpflichtenden Berichterstattung vieler Transplantationszentren (bloße offen kommunizierte und berichtete Nichterfassung und daraus folgender Nicht-Berichterstattung seit vielen Jahren);
  • Signifikante bis extreme Abweichungen bei der Ablehnung der Aufnahme auf die Warteliste in wenigen Zentren mit allerdings zunehmender Tendenz;
  • fehlende Regeln zur Betreuung der Patienten auf der NT-Warteliste;
  • massive Mängel in der Strukturqualität def Nachsorge in einer beachten Zahl von Transplantationszentren.

Die gewollte Sanktionsarmut in der Transplantationsmedizin bei derartigen „Peanuts“ und deren offen gezeigte Präsentation (z. B. in den Tätigkeitsberichten der Tx-Zentren) dürfte einer der tragenden Gründe darstellen, weshalb auch die Schwelle zu manipulativen Grenzüberschreitungen seit mehreren Jahren zunehmend niedriger wird. Wer Regeln in „Peanuts“ und „Big rules“ differenziert, entwickelt zunehmend ein nachlässiges Regelverständnis, das auch die Missachtung gravierender Regeln im vermeintlichen Patienteninteresse relativ leicht macht. –

Dies dürfte auch der eigentliche Schlüssel zu den Transplantationsskandalen der letzten fünf Jahre, jeweils von der Erstoffenbarung ab gerechnet sein.

Wenn es der Transplantationsmedizin nicht gelingt, die Compliance mehrerer bis vieler Transplantationszentren zu entmarginalisieren und ein ein anderes Compliance-Verständnis insgesamt zu entwickeln, so wird die Transplantationsmedizin die Einstufung als die „skandalgeneigte Branche“ des Gesundheitswesens“ chronifzieren und diese Ruf auch in Zukunft nicht mehr verlieren – zum Schaden aller Betroffener. Dazu gehören auch jede, die in der Transplantationsmedizin tätig sind.

Im Tx-zentrums-Ranking (noch auf unserer Seite www.info-Organtransplantation.de werden wir bei zukünftigen Einschätzungen aus Patientensicht die „Zentrums-Compliance“, soweit als möglich, noch stärker als bisher in unsere Betrachtungen einbeziehen. Daraus und aus der Einbeziehung der Einweiser- und Patientenzufriedenheit sowie der Strukturqualität auch der Klinikumsverwaltung werden sich nochmals Veränderungen unserer Einschätzungen ergeben. Der Beitrag „Wer trägt keine (Mit-)Schuld am Compliance-Defizit der Transplantationsmedizin“ wird wohl erst in einiger Zeit erscheinen, noch sind wir auf der Suche.

Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf: Kommt der parlamentarische Untersuchungsausschuss der Bürgerschaft?

Ausgerechnet die CDU Hamburg spricht nun von „Skandal“ (hier) und kritisiert die beiden Senatorinnen der Hansestadt Katharina Fegebank (Wissenschaft, Grüne) und Cornelia Prüfer-Stocks (Gesundheit, SPD). Dabei haben beide ungewöhnlich früh und konsequent reagiert, nachdem der Bericht der Prüf- und Überwachungskommissionen nach dem TPG am 13.10.2016 veröffentlicht worden war.  Eine politische Reaktionszeit von weniger als einem Monat im Gesundheitswesen ist mehr als beachtlich.

Zwischen Gesundheitswesen und Politik gibt es nämlich grundsätzlich einen virtuellen Nichteinmischungspakt. Daran hat sich – möglicherweise zu lange – die Politik auch in Hamburg konsequent gehalten, immerhin ist das Universitätsklinikum Eppendorf der viertgrößte Arbeitgeber Hamburgs, da hält sich die Politik nur zu gerne vornehm zurück. Dabei gab es durchaus immer wieder die überaus freundliche Wahrnehmung von gemeinsamen Terminen zu Eröffnungen und Besuchen der Politikerinnen beim UKE. Denn noch arbeitet das UKE ja auch mit einem, wenn auch seit mehreren Jahren sinkenden Gewinn. Da fällt es noch immer leicht, sich nicht einzumischen.

Entsprechende Parallelen gibt’s in Deutschlands Krankenhauslandschaft zuhauf. So durfte z. B. auch das Klinikum Stuttgart lange Zeit sich unbehelligt am Gesundheitsmarkt unternehmerisch betätigen und enge Verbindungen zum Ausland knüpfen, nun ermittelt dort allerdings die Staatsanwaltschaft und die Geschäftsführung wurde abrupt ausgetauscht und zunächst interimistisch besetzt. Die Neubesetzung der Geschäftsführung dürfte nun zum Jahreswechsel erfolgen.

Nun bekommt auch im UKE diese grundsätzliche Abrede der Nichteinmischung deutliche Risse, die Politik, meist vertreten durch die dann als böse empfundene Opposition, mischt sich deutlich zunehmend ein. Den eigentlich fälligen Untersuchungsausschuss hat die damalige CDU-FDP-Regierung im Bund schon beim Transplantationsskandal 2012   zu verhindern gewusst, damals durch den Runden Tisch beim damligen Bundesgesundheitsminister Bahr, an dem dann nur die medizinisch absolut Beteiligten saßen. Patienten durften schon damals nicht dabei sein, denn ihr politischer Mehrwert war überschaubar gering.

Ein solcher Runder Tisch verbietet sich nun allerdings, da Runde Tische nur unter den fachlich Beteiligten stattfinden, und zu den Beteiligten wird nicht die Opposition gerechnet, auch wenn es sich dabei um die dem Gesundheitssystem eng verbundene CDU handelt, der dieses Mal an einem politischen Skandal gelegen ist.

Und so dürfte es, wenn keine Einsicht einkehrt, wohl demnächst in Hamburg zu einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss kommen, obwohl dieser in diesem sensiblen Bereich sich mit Rücksichtnahme auf die betroffenen Patienten und das Vertrauen der Öffentlichkeit eigentlich verbieten sollte.

Eine verantwortungsvolle Opposition würde in diesem Fall auf einen Untersuchungsausschuss verzichten und die beteiligten Senatorinnen wohl eher auffordern auffordern, klare Konzepte vorzulegen, wie sie die Aufsicht über das UKE in Zukunft verbessern wollen. So würde eine Skandalisierung vermieden und Zukunft beschrieben werden.

Ungeachtet dessen muss die staatliche Aufsichts- und Kontrolldicxhte gerade in der Transplantationsmedizin deutlich verbessert werden, da ist das UKE kein Einzelfall, sondern nur das Ergebnis der verfehlten politischen Zurückhaltung gegenüber dem Gesundheitswesen und seiner Bänkestruktur. Diese Zurückhaltung wurde und wird gerade von der CDU, wie auch beim fehlerhaft aufgesetzten Transplantationsregister festzustellen war, noch immer kultiviert. Die Ergebniskultur muss dort sicher erst auch noch wachsen.

Nun scheint gerade mit der CDU die bislang eifrigste Verfechterin der Selbstverwaltung stärkere staatliche Aufsicht und Eingriffe zu fordern – völlig zu Recht. Denn die Selbstverwaltung in der Gesundheitswirtschaft hat fraglos ihre besten Jahre hinter sich und sollte mit Anstand einem besseren System Platz  machen, auch in der Transplantationsmedizin. – Dafür ist aber auch noch nach der Bundestagswahl Zeit genug, denn dieser Systemwechsel kann nur bundesweit und im gegenseitigen Einvernehmen erfolgen. Und das braucht Zeit und möglicherweise noch weitere irritierende Zwischenschritte, auch wenn die Transplantationsmedizin von heute schon längst nicht mehr die von gestern ist. Dennoch ist zur Zukunft der Transplantationsmedizin in Deutschland noch ein weiter, steiniger Weg zu bewältigen und der erfordert insbesondere von den Ärzten viel Einsicht zur Selbstbeschränkung ihrer eigenen Rolle.

Dass solche Einsicht zur Rollenbeschränkung noch nicht vorhanden ist, darf nicht verwundern. Denn die Politik hat über die Jahre die Selbstverwaltung im Gesundheitswesen in einet Wohlfühlatmosphäre verharren lassen, die sehr selbstbewusst macht.

Da wird eine fühlbare, Vertrauen schaffende Kurskorrektur sehr schwer fallen und sicher micht von heute auf morgen erfolgen.

Dennoch sollte auch in Hamburg ein Untersuchungsausschuss nur dann eingerichtet werden, wenn sich das UKE und die beiden Senatorinnen allzu resilient und veränderungsunwillig zeigen. Der Flurschaden eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses wäre einfach zu groß.

Felix Austria! Transplantationsmedizin in Österreich

Die Zahlen sprechen für sich. Österreich hat 8,7 Mio. Einwohner (01.01.2016), Deutschland ca. 82,2 Mio. (31.12.2015). Das zehnmal kleinere Österreich hat mit 787 Transplantationen im Jahr 2015 eine Versorgungsquote die mehr als doppelt so hoch ist als die in Deutschland mit 3. 666 Transplantationen mehr als doppelt so hoch ist wie die in Deutschland. Dies ist keineswegs nur eine Folge der in Österreich geltenden Widerspruchslösung, wie viele meinen.

Dabei hat Österreich nur vier Transplantationszentren

  • Wien mit 379 Transplantationen,
  • Innsbruck mit 266 Transplantationen,
  • Graz mit 85 Transplantationen und
  • Linz mit 57 Transplantationen.

Während in Wien, Innsbruck und Graz grundsätzlich alle Organe transplantiert werden, steht in Linz die Niere im Mittelpunkt.

Nachdem der Hype der Transplantationsmedizin in Deutschland beendet zu sein scheint, werden die österreichischen Transplantationszentren zunehmend eine attraktive Wirkungsstätte auch für äußerst qualifizierte deutsche Transplantationschirurgen.

So hat nun auch Prof. Dr. Peter Schemmer, früher Heidelberg und kurzzeitig Linz, nun seine neue berufliche Zukunft als Vorstand der Klinischen Abteilung  Transplantationschirurgie der Universitätsklinik Graz gefunden.

Wir wünschen ihm viel Erfolg, den er bei seiner hohen Expertise sicherlich auch haben wird.

Sollten weitere Aufgaben in der Transplantationsmedizin in Österreich zur Verfügung stehen, so dürfte es dem Vernehmen nach auch für diese Positionen ernsthafte und hochqualifizierte Bewerber auch aus Deutschland geben.

Derzeit erscheint es außerordentlich fraglich, ob es den Verantwortlichen der Transplantationsmedizin gelingen wird, den zunehmenden „Brain drain“ aus der deutschen Transplantationsmedizin zu stoppen. Das wäre eine zukunftsweisende Aufgabe z. B. für die Deutsche Transplantationsgesellschaft (dtg) und insbesondere für ihren äußerst engagierten Präsidenten.

Ob die dtg in nächster Zeit den Entwurf eines Aktionsplans zur Verbesserung der Lage der Organtransplantation in Deutschland vorlegen wird, ist nicht bekannt. Allerdings dürfte sich die dtg auch dieses Jahr wohl wieder pointiert wie bisher zur Lage der Transplantationsmedizin in Deutschland äußern.

Kehrtwende oder nur Beruhigungspille beim Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)?=

Wie Medien melden, hat das UKE nun beschlossen, die am UKE durchgeführten Transplantationen durch einen unabhängigen medizinischen Sachverständigen (aus Süddeutschland) überprüfen zu lassen. Gestern noch hate das UKE Manipulationsabsichten seiner Ärzte vehement bestritten und inzelnen Mitgliedern der Prüf- und Überwachungskommission Befangenheit vorgeworfen.

Ob es sich bei den zu überprüfenden Transplantationen dabei nur um das Lungentransplantationsprogramm oder auch das Herztransplantationsprogramm handelt, war noch nicht in Erfahrung tz bringen. Unwahrscheinlich ist, dass auch Transplantationen aus dem viszeralen Transplantationsprogramm durch den gleichen medizinischen Sachverständigen überprüft werden sollen. Diese standen bisher nicht in der Kritik.

Ob der Gutachtensauftrag nur manipulationsorientiert ist oder auch die Prozessabläufe und etwaige Mängel in der Universitätsverwaltung mit Auswirkungen auf das Transplantationsprrogramm umfassen soll, war ebenfalls nicht in Erfahrung zu bringen, dürfte aber eher nicht der Fall sein, da dafür ein anderer Sachverständiger gesucht und gefunden werden müsste.

Auch das genaue Ziel des Gutachtensauftrags bleibt im Dunkeln. Selbstredend soll das Gutachten ergebnisoffen erstellt werden. Ob der Auftrag allerdings weiter geht, als sich mit dem Prüfbericht der Prüf- und Überwachungskommission auseinanderzusetzen und deren Feststellungen zu verifizieren oder zu falsifizieren oder ob ein gesteigertes Aufklärungsinteresse besteht, konnte ebenfalls nicht noch in Erfahrung gebracht werden.

Nur der halbe Weg der Aufklärung der festgestellten Auffälligkeiten am UKE

Allerdings bleibt bisher der Aufklärungswille auf halben Weg stecken, denn er scheint sich nur auf die Manipulationsvorwürfe und nicht auch auf die sonstigen Mängel im Transplantationszentrum und in der Universitätsverwaltung zu erstrecken. die von der Prüf- und Überwachungskommission als „Zufallsfund“ entdeckt wurden. So spricht es nicht für eine unbedingt sachgerechte Digitalkisierung, wenn aus den solitär geführten Patientenakten keine Ausdrucke drei Jahre lang gemacht werden konnten und Screenshots anscheinend bis zur Erstellung des Prüfberichtes nicht gemacht werden konnten. Dabei handelt es sich um eigene Angaben, die vom UKE nach den Feststellungen der Prüf- und Überwachungskommission gegenüber dieser gemacht wurden, die von der Prüf- und Überwachungskommission aber nur aufgelistet wurden.

Solche gravierende Mängel am UKE und deren Verantwortlichkeiten, die im starken Maße das Patientenvertrauen als Organisationsvertrauen tangieren, sollten ebenfalls in die Untersuchung einbezogen werden, denn auch sie erfüllen nicht unbedingt die gesetzliche Verpflichtung im Transplantationsgesetz zu einer sachgerechten Dokumentation und sollten sich auch in Zukunft nicht wiederholen. Das UKE hat für einen Teil der Mängel erklärt, dass diese 2013 abgestellt worden wären. Für die Ermöglichung der Screenshots scheint diese Erklärung aber nicht abgegeben worden zu sein. Das UKE wurde für seine elektronische Patientenakte bereits 2011 zertifiziert. Die Validität eines solchen Zertifikats, das Patientenvertrauen begründen soll, müsste ebenfalls hinterfragt werden („Papierloses Krankenhaus“, zertifiziert seit 2011).

Weitere Details auch auf  http://patienten-zwischenruf.de/?p=1191

Konflikt am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf nicht systemische Ausmaße an.

Wurden die Prüf- und Überwachungskommissionen nach dem TPG vom Konkurrenten instrumentalisiert?

Nach einer Meldung der BILD-Zeitung und des Hamburger Abendblatts hat der Vorstandsvorsitzende des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE), Prof. Dr. med. Burkhard Göke den Verdacht geäußert, dass möglicherweise ein konkurrierendes deutsches Transplantationszentrum hinter den aus seiner Sicht unberechtigten Manipulationsvorwürfen stecken könnte (hier).

Sondersitzung des Aufsichtsrats des UKE

Die Hamburger Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank (Grüne) hat inzwischen eine Sondersitzung des Aufsichtsrats des Universitätsklinikums einberufen und einzelne Vorstandsmitglieder zur Sitzung einbestellt. Dabei könnte es auch um eine mögliche Intensivierung der Aufsicht gegenüber den Vorstand bis hin zu personellen Maßnahmen gehen.

Prüf- und Überwachungskommissionen nach dem TPG in der Kritik

Mit der Äußerung des Verdachts der Instrumentalisierung durch Konkurrenten geraten auch die nicht hauptamtlich besetzten Prüf- und Überwachungskommissionen voll in die Kritik, deren Neutralität und Professionalität ohnehin zur Diskussion steht, konzentrieren sich doch diese Kommissionen in erster Linie auf Manipulationsvorwürfe und weniger auf die gesamte Bandbreite der Einhaltung des Transplantationsgesetzes. Einer der Gründe ist die geringe Zeit der Kommissionsmitglieder, die meist in volle Umfange stark beruflich und interessengerichtet eingebunden sind.

Der eigentlich notwendige Aufbau einer wie auch immer gestalteten hauptamtlichen Kontrollinstanz wurde bisher – nicht zuletzt aus gesundheitspolitischer Rücksichtnahme – bisher vermieden, obwohl die derzeitige Lösungen deutliche Schwächen, auch in der Kontrolldichte und -Aktualität aufweist.

Kontrollberichte der Prüf- und Überwachungskommissionen bleiben daher vielfach äußerst sanktionsarm, denn die Kommissionen haben – völlig zu Recht – keine eigene Sanktionszuständigkeit.

Die interne Kontrolldichte in den Krankenhäusern selbst, zu denen Transplantationszentren gehören, ist insbesondere im medizinischen Bereich aber auch in der Klinikverwaltung in den nächsten Jahren deutlich optimierungsfähig, aber auch -notwendig, wie auch das UKE deutlich zeigt. Hier besteht noch ein großer Nachholbedarf.

Prüfbericht mit überschießender Innentendenz? Strukturqualität der Tx-Zentren in der Kritik

Prüfberichte müssen klar und unmissverständlich formuliert sein. Und natürlich muss in solchen Prüfberichten die Kooperationsbereitschaft der zu prüfenden Institution klar dargelegt werden. Allerdings sollte dies möglichst unter Zurückstellung von Emotionen der Prüfer geschehen. Dass sich die Prüf- und Überwachungskommissionen hier in einem tiefgreifenden Wandel befinden könnten zeigt der mehr oder weniger telegene Auftritt des neuen Stellvertretenden Vorsitzenden der Ständigen Kommission Organtransplantation dem sehr  sachorientierten Prof. Dr. jur. Torsten Verrel, einem Strafrechtler aus Bonn, der auch den Prüf- und Überwachungskommissionen angehört.

Ob der Prüfbericht der Prüf- und Überwachungskommissionen zu Auffälligkeiten am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) für die Lungentransplantationen 2010 bis 2012 diesen Anforderungen noch entspricht, wird in den nächsten Wochen Gegenstand intensiver Diskussionen sein.

Von den 14 im Prüfbericht festgestellten Auffälligkeiten konnten nach Angaben der Hamburger Gesundheitsverhaltung gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt inzwischen 4 Fälle geklärt werden (hier). so dass sie auch die Prüf- und Überwachungskommissionen nach dem TPG als erledigt ansehen.

Bleiben noch 10 Fälle mit nicht aufzuklärenden Defiziten. Das sind sicher immer noch zehn Fälle zu viel. Hier hätten die Prüf- und Überwachungskommissionen nicht nur die Auffälligkeiten feststellen dürfen, sondern auch sachverständig und mit der vorhandenen hohen Expertise feststellen müssen, ob die vorhandenen Defizite nachhaltig für zukünftige Prüfungszeiträume abgestellt sind.

Der im Prüfbericht geäußerte Verdacht der Behinderung bzw. Vereitelung der Prüftätigkeit wirkt ungleich schwerer, denn er ist ein neuer Vorwurf aus 2015 bzw. 2016 und zerstört nachhaltig die Illusion, dass es aktuell keine Unregelmäßigkeiten mehr geben könne, nachdem 2012 und 2013 angeblich ausreichend auf die Auffälligkeiten reagiert worden sei. Kenner der Transplantationsmedizin hatten diese plakativ vorgetragene Behauptung von Verantwortlichen der Transplantationsmedizin ohnehin nicht für übermäßig valide gehalten.

Der Prüfbericht am UKE muss Konsequenzen haben. Und zwar nicht so sehr wegen der Verstöße aus 2010 bis 2012, die sicherlich abzuarbeiten und zu bewerten sind.

Das Schwergewicht der Konsequenzen aus dem Prüfbericht muss eine Verbesserung der Compliance der Transplantationszentren selbst sein. Hierzu müssen kurzfristig folgende Sofortmaßnahmen getroffen werden:

  • Beseitigung der zu Tage getretenen strukturellen Leitungsdefizite durch klare Stärkung der Leitung des Transplantationszentrums gegenüber dem multidisziplinären Team des Zentrums
  • dazu gehört auch die eigenständige disziplinarische Verantwortung des bisher unzureichend schwach aufgestellten Leiters des Zentrums
  • nur ein zentrales Transplantationszentrun an einer (Universitäts-) Klinik, klare organisatorische Verantwortlichkeit des Zentrumsleiters für Kooperationen mit anderen Krankenhäusern, (Ent-Virtualisierung der nur virtuellen Zentrumsstruktur)
  • Schaffung der Funktion eines Medical Compliance Officers im Transplantationszentrum mit revisionsähnlichen Kompetenzen.

Angesichts der keineswegs singulären Vorwürfe der Prüfungs- und Überwachungskommissionen über die Behinderung ihrer Arbeit am UKE bringt sich die Transplantationsmedizin wieder einmal selbst in Generalverdacht, dass auch aktuell mehr getan werden muss, um Unregelmäßigkeiten gegenwärtig und in Zukunft zu verhindern.

Angesichts sinkender Organspendezahlen ist Abhilfe dringend geboten, denn befürchtete Unregelmäßigkeiten sind der wichtigste Grund zur Ablehnung der Organspende, wie Umfragen zeigen.

Hier steht der Bundesgesundheitsminister in der Pflicht, für die erforderliche organisatorische Klarheit zu sorgen und weitere dieses Mal allerdings wirkungsvolle Änderungen des Transplantationsgesetzes anzustoßen. Denn die neu aufgetretenen Mängel sind strukturbedingt angelegt und keineswegs zufällige Einzelfälle.

Das Transplantationsgesetz schreibt Transplantationszentren als Organisationsform vor, überlässt aber bisher deren Organisation den Krankenhäusern selbst. Dass dies nicht genügt, zeigt der jetzige Umgang des UKE mit den Prüf- und Überwachungskommissionen nach dem TPG.

Dieses massive Strukturproblem, das durchaus Compliance relevant bis in die Chefetagen der Universitätskliniken reicht, har die Selbstverwaltung im Gesundheitswesen eigenständig bisher nicht zu lösen vermocht. Angesichts des sicher vorhandenen Eigeninteresses des Selbstverwaltung wird dieses Complianceproblem ´nachhaltig nur von außen durch gesetzliche Änderungen zu lösen sein.